Ich merkte, dass ich lauter geworden war, als beabsichtigt, und setzte mich wieder. „Es tut mir leid. Ich wollte Sie nicht anschreien.“
Igor stand einfach auf dem Tisch und musterte mich wieder stumm. Als die Pause begann, peinlich zu werden, räusperte er sich. „Glauben Sie, ein Pinguin ist nicht in der Lage, für Sie zu arbeiten? Für einen Menschen Ihrer Zeit haben Sie ein sehr anthropozentrisches Lebensbild!“
Ich zog die Augenbrauen hoch. „He, das ist ein Zitat aus Raumschiff Orion! Rückfall im Kino!“
Igor stöhnte und fuhr sich mit der Flosse über die Augen. „Rücksturz. Rücksturz ins Kino. Nicht Rückfall im.“
Ich grinste. „Für einen Pinguin kennen Sie sich verdammt gut aus.“
Igor legte den Kopf schief und sah mich mitleidig an.
Ich seufzte. „Also gut, wieso wollen Sie bei mir arbeiten? Welche Fähigkeiten bringen Sie mit?“
Igor lehnte sich zurück und seine Augen verengten sich zu Schlitzen. „Ich habe mit Lugosi gespielt.“
Dieser Satz traf mich wie eine Keule am Kopf. Selbst wenn dieser Pinguin, der da neben seinem Emigranten-Köfferchen auf meiner windschiefen Tischplatte stand, nur eine Wahnvorstellung war oder mich eiskalt verarschte – dann war er dabei so brillant, dass ich ihn nie wieder hergeben würde.
Ich hielt ihm die Hand hin. „Willkommen im Grummelkontor.“
*
Am ersten Tag, den Igor bei mir verbrachte, konnte ich mich kaum auf meine Arbeit konzentrieren. Er hatte verfügt, dass er nun mein „Privatsekretär“ sei und ich arrangierte mich damit.
Am ersten Abend räumte ich ihm das Gemüsefach im Kühlschrank als Schlafplatz aus. Eigentlich hatte dort sowieso nur hin und wieder eine verschrumpelte Möhre gelegen, und so stellte es für mich kein großes Opfer dar, diese verwaiste Plastikschublade mit einem Handtuch auszupolstern und Igor zu zeigen, wo im Kühlschrank der Lichtschalter ist.
Er ließ meine unbeholfenen Bemühungen, es ihm ein wenig behaglich zu machen, gleichmütig über sich ergehen, ließ aber nicht wirklich durchblicken, was er davon hielt. Abends aber zog er sich still in seinen Kühlschrank zurück.
Ich hingegen bekam kein Auge zu. Abgesehen davon, dass ich schon so lang allein lebte, dass ich so verschroben und eigenbrötlerisch war, dass die Anwesenheit eines anderen Lebewesens mich irritierte, gingen mir auch die Details, die Igor über sich preisgegeben hatte, nicht aus dem Kopf. Und so wälzte ich mich auf meiner Ottomane im Kontor hin und her und grübelte.
Er kam aus dem gleichen Ort wie Stalin und hatte mit Lugosi gespielt. Was zum Teufel verbarg sich hinter diesem Pinguin? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Pinguin ein so biblisches Alter erreicht, dass er in den frühen Dreißigern ein Filmstar sein und 70 Jahre später in der verdammten Postmoderne in meinem Grummelkontor auftauchen könne.
Aber vielleicht hatte ich auch seine Äußerungen nur falsch aufgefasst. Vielleicht meinte er einen anderen Stalin, und Lugosi war ein Spielkamerad von ihm gewesen. Oder ein Skatbruder. Spielten Pinguine Skat? Und wie viele Leute hießen Stalin? Vielleicht hatte er mal einen Hund, den er Lugosi rief und wenn er ihm Stöckchen geworfen hatte, sagte er eben „Ich habe schon mit Lugosi gespielt.“, um mitzuteilen, dass der Hund bereits seinen Auslauf hatte...
Vielleicht war dieser Pinguin aber auch viel abgefeimter, als ich es dem kleinen Kerl in seinem Frack mit seinen glänzenden Knopfaugen zutraute? Verfolgte er irgendeinen finsteren Plan und hatte mich ausspioniert, bevor er bei mir eindrang? Wusste er vielleicht ganz genau, welche Köder er mir hinwerfen musste, um Zutritt zu meinem Kontor zu bekommen? Aber was wollte er hier ausspionieren? Ich war nur eine arme Schriftstellerin, die versuchte, den Funken der Moderne zu retten...
In diesen Grübeleien gefangen, wälzte ich mich unruhig hin und her und fiel in einen leichten Schlaf, aus dem ich immer wieder aus wilden Träumen hoch schreckte. Einmal meinte ich, kleine Patschfüße in der Diele zu hören und das Klicken des Türschlosses, aber ich kann mich auch geirrt haben. Für einen Moment aber dachte ich, Igor sei gegangen und fiel in einen tiefen, erschöpften Schlaf.